Wie immer gilt: Kommentare und Anmerkungen höchst erwünscht!
Die vergangenen Tage habe ich mir zwei Akten zur ‘Endzeit’ meines zentralen Untersuchungsobjekts der Burg Burghausen unter Herzog Georg vorgeknöpft: die Nrn. 522 und 523 aus dem Bestand der Ämterrechnungen des Herzogtums Bayern bis 1506 entsprechen den Jahren 1503 / 1504 und 1504 / 1505, also der Zeit kurz nach dem Tod des Bauherrn bzw. dem damit ausgelösten Landshuter Erbfolgekrieg. Naheliegend, dass diese Akten vor allem für die zeitgenössischen kriegerischen und politischen Vorgänge eine wahre Fülle an potentiell interessanten Personen- und Ortsnnnungen enthalten. Meine Hoffnung, dass zB durch die Beschädigungen im Zuge der Auseinandersetzungen auch einige für meine Arbeit interessante Baulichkeiten und Reparaturaufträge inklusive der beauftragten Baumeister erwähnt sein könnten, fand – zunächst zumindest – leider keine Bestätigung.
Besonders Akt 523, der eine Stärke von ca. 7 cm aufweist, hat mich davon abgebracht, alle Einträge en detail zu studieren, und stattdessen zunächstauf strukturelle bzw. formale Besonderheiten zu achten. Einen Großteil machen wie gesagt Soldlisten und Ausgaben für Botengänge aus, die viele Namen und Orte nennen, jedoch kaum Angaben zu den Hintergründen.
An dieser ein kleiner Sidekick: Nicht nur bezieht sich Rumpler gleich im ersten Satz zu Teil I seines Werks
Auzug aus Rumpler, Angelus: De Gestis in Bavaria libri VI. Ab Excessu Georgii Divitis Bav. inferioris Ducis ad annum usque MDVI, in: Oefele, Andreas Felix (Bearb.): Rerum Boicarum scriptores nusquam antehac editi, 2 Bde., Augsburg 1763, Teilbd 1, S. 87-147, hier S., 99, vgl. GoogleBooks-Digitalisat .
auf Enea Silvio Piccolomini aka Pius’ II. Geschichtsschreibung, hier wohl die ‘Germania’, sondern nennt auch bald darauf das zentrale Objekt des Interesses wörtlich als eine der fürstlichen Residenzen Bayerns. Damit dürfte die Frage nach ‘Ist B. nun Residenz oder nicht?’ (mal wieder) für ersteres entschieden sein! Und diesmal sogar zeitgenössich:
Zurück zu den Akten: Bemerkenswert ist jedoch u.a. , dass die Solde für die Büchenmeister gesondert gelistet werden, also mit eigener Überschrift / Kategorie. Nicht nur, da dieses Tätigkeitsfeld zum Spezialwissen des den Ausbau Burghausens koordinierenden Hofbaumeisters Pesnitzer gehört, ist dies auch für meine Arbeit von Interesse. Möglicherweise lassen sich so auch Kollegen von Pesnitzer ausmachen, mit denen er zuammenarbeitete oder sich austauschte, bzw. Einflussrichtungen des kriegstechnischen Wissenstransfers nachvollziehen. (Vgl. Art. Kriegführung im Spätmittelalter im hist. Lex. Bayern mit Literatur und Quellen!)
Pesnitzer selbst ist jedoch leider nicht mehr genannt.
=> Wo befand sich Pesnitzer also kurz nach dem Tod seines früheren Dienstherrn? Später lässt sich bekanntlich seine Tätigkeit für Peter IV. von Rosenberg, genauer beim Ausbau von dessen Schloss in Krumau, mindestens 1508 – 1513 nachweisen.[1] War Böhmen bereits um 1504 sein Ziel?
Ich habe daher bei der Transkription der beiden Akten den Fokus auf diese Listungen von Büchsenmeistern gelegt. Wo mir bei der oberflächlichen Durchsicht der Ausgaben, Aufträge, Käufe, Botengänge u. dgl. im ersten Teil des Akts etwas aufgefallen ist, das sich in irgendeiner Art mit in Bausachen tätigen Personen in Verbindung bringen lässt, habe ich dies ebenfalls transkribiert und die Namen nach Möglichkeit in den Soldlisten im jeweils zweiten Teil des Akts nachvollzogen.
Also dann, ad fontes:
Bay HStA, Herzogtum Bayern, Ämterrechnungen bis 1506, Nr. 522 = 1503 / 1504
Fol. 1 – 52 (gestempelt)
3v
Chunrad Ma/onnstorffer buchs-
enmeister bezalt Macherlon? von xxx
Zeenntl ( vmtl. = Zentner) Lxxx lb Pullvers ye vom Zenntn viii Kr vnnd vm Pecken
so man darzu braucht, vii d Tut
alles Laut Zetl vom Paumeister hierbei | iiii gdn rh | xxviiii d
=> wo sind diese ‘Zetl’ und wer war der Paumeister?
4v
auf bevelh h(errn) Manngen (= wer?) bezalt
hannsen Retkoch , so er vmb etlich
arbait Pauss halben, in meins ge
nedigen herrn hauß geschehen dar
gelihen hat Laut Zetl hiebey | 1 guld(en) rh | iii ß vi d
23r
auf bevelch h(e)r Manngen, bezalt
an Sonntag Cantate bei zerung so pfle
ger, gerichtschrieber, ambtleit zw
Mospurg bischer/t?, Vnd nachmals h(er)
Manng vnnd H(er) Jörg von Rosenberg (= ein anderes Rosenberg)
Zu Mospurg gewesen mit dem Zeug
Raisigen vnnd Fuessknechten daselbs
verzert haben Laut Zetl nach Lengs
aufgeschriben hiebey (=> wo sind die?) | Lxxxxvi guld rh | v ß xviii d
Rosenberg wird nicht in den Jahrsolden gelistet
wer ist Manng? vmtl. Manng (= Magnus) von Habsperg in den Jahrsolden, s.u. F. 44v.
29r
So hat Jörgen von Rosenberg
Zerung vnnd ausgab so er des Rits
mit dem Zeug gen Landaw vnnd
Lansperg Zo gh (genediger herr) engenommen, than
vnnd aufgeben, hat , Laut Zetl seins
Rechnung nach Lengs hiebei aufge | schrieben | viiii C Lxxxii g. | xxiiii kr
37r–39 r eigene Liste für
Buchssenmeister | Monatsölde
Meister Peter von Krempten / Kermpten | buchssenmeisster …| vi gld rh
Buchsenmeister | monatsolde [ gesonderte Einträge nur für BM!]
ab 176r / 220r bis 217v / 261v
Fueßknecht
ab 220 r/263 r bis 232 v/ 276v /
Schadenpferde
[1] „Der Herr Gubernator, alß er wahrgenommen aine gefahrliche Maur gleichsamb zum Ainfallen in dem oberen Schloß Cromau gegen der Stadt ob der Wultau von dem Eke biß zne dem alten Thum, daß sie sich sehr gespalten hatte, liesse er sie abtragen vnndt brachte mit Bit zuewegen von dem durchleuchtigen Wolffgang, Pfalczgraffen vom Rein, [= nicht Wolfgang, sondren wie in der Anmerkung zum Zitat vom Schreiber der Chronik bereits bemerkt, Wihelm IV. von Bayern-München] einen Baumaister von Purghausen, nahmenß Vlrivh Peßniczer, [pag. 176] hingelassen, vnndt die Arbeit im anno 1508 nach ainander verrichten lassen vndt solche geendet die Maur betreftendt im 1513 anno,welcheß biß Dato stehet. Alda vnndt an ainem Erker vnndter den Glaßfenstern in Placz hinain die Wappen deß Herrn Peters vnndt seiner Gemahlin, weilandt Fraw Elisabetben von Krawarsch, vnndt deß Herrn Pernstainers alß Testamentarii zue sehen seindt.“ Hermann, Norbert: Rosenberg’sche Chronik, Prag 1898, S. 186. Vgl. a. die Antwort Wilhelms IV. auf Peters IV. Bitte, Pesnitzer noch etwas länger in Krumau beschäftigen zu dürfen: „Von Gottes Genaden Wilhelm Pfallnnetzgraf bey Rein, Hertzog in obernn vnnd nidern Bayrn.Vnnsern gonnstlichen Grus zuuor wolgebornner besonder lieber. Wir haben eur Schreiben vnns itz von wegen vnusers Dieners vnnd Burcksassen zu Burckhausn Vlrichen Pösnitzers geton Innhalltz vernomen vnnd wiewol wir genannten Pösnitzer der geuerlichen vnnd geswinden Leuff halben itz manigfellticlich empor von unnsrm Sloss Burkhausn zu sein, alls ir selb bedennken mögt, nit geren sehen, noch dann euch zu Genaden wellen wir ime vergönnen bis auf Jacobi (25. Juli) schirst lautt eurs Begerens vergönnen bey uch zu bleiben vnnd euren Paw helffen zu uerrichten. Wollten wir uch gnediger Meynung nicht verhallten. Datum Lanndshut am fünften Tag July oc. XIII0. Dem wolgebornnen vnnserm besonnder lieben Petern Herrn zu Rosenberg“ Památky archaeologické a místopisné, Archaeologický sbor Musea království Českého (Archäologische und topographische Stätten, Berichte des Archäologischen Museum des Königreichs Böhmen in Prag, Nr. / 1893, S. 401–402, Digitalisat: http://kramerius4.nkp.cz/search/handle/uuid:97d4c180-e3eb-11e4-ae60-005056825209 )
heute gibt’s was “leichtes” mit vielen Bildern zum anschauen:
am Freitag habe ich Praktisches mit Angenehmem verbunden und den Besuch des zeuneschen Büros für Burgenforschung (Premiere 1) mit einer kleinen Burgenwanderung verbunden – einen Tag in der Allgäupostkarte verbracht (Premiere 2) , wie sie kitschiger nicht hätte sein können, inklusive malerischer Burgruinen:
“Hoch über dem Dorf Zell und dem gesamten Umland thronen weithin sichtbar auf einem Kalkmassiv zwei gewaltige Burgruinen: Eisenberg und Hohenfreyberg. Obwohl ihrerseits eine recht junge Burggründung, ist die Burg Eisenberg um hundert Jahre älter als ihre Nachbarburg Hohenfreyberg.” (Zeune, Burgenregion Allgäu. Ein Burgenführer, o.O. 2008, S. 24)
Ich muss sagen, ich verstehe warum Herr Zeune sich in dieser Gegend niedergelassen hat. Das Allgäu, bis dato ein weißer Fleck meiner imaginären (Burgen)Landkarte, ist wirklich paradiesisch schön und hat dazu eine immens hohe Burgendichte – nicht umsonst auch als eigene Burgenregion bezeichnet (Und eine weitere Bestätigung der Regel “Je mehr Burgenforschung in einer Region, desto größer die dortige Burgendichte”). Also ein ideales Exkursionsziel, sollte es sich ergeben, dass wir mal nicht wissen wohin 😉
Ich gehe davon aus, dass die meisten doch schon einmal dort waren oder zumindest über das ein oder andere Bauwerk dort gelesen haben, daher spare ich mir mal die Einführung und lasse stattdessen Bilder sprechen:
Blick auf die Burg Hohenfreyberg von der Nachbarburg Eisenberg Foto: Verf.
gilt als einer der letzten großen Burgneubauten des deutschen Mittelalters: bewusst anachronistisch, folgt dem Bautypus der hochmittelalterlichen Höhenburg
drei Hauptbauphasen:
Grundriss und Baualtersplan auf der Infotafel am Zugang. Quelle: Wikimedia Commons, CC 0
1418-32 erbaut Friedrich von Freyberg zu Eisenberg die ursprüngliche Anlage mit zwei winkelförmig im Burghof stehenden Wohngebäuden, einem bergfriedähnlichen Hauptturm im Osten und einem Kapellenturm.
1456 Toranlagen verstärkt, Artilleriehäuschen an der Westfront der Kernburg zum Einsatz von leichten Feuerwaffen
1486 und 1502 Umbau und Verstärkung, Zwingeranlagen, Artillerierondell am Südwesteck, Erhöhung der Ringmauer, zusätzlich Schlüsselscharten für Hakenbüchsen, Tor der Hauptburg wurde auf die Westseite verlegt, neuer Torturm => Abbruch der Nordhälfte des großen westlichen Palas=> Umbau des kleineren Palas.
Um 1540 Westfront der Kernburg durch eine Artillerieplattform verstärkt, die den Anweisungen aus Dürers 1527 “underricht zu befestigung der Stett, Schloß und flecken” (1527) enstpricht. Gleiches ist bei den Befestigungen des 16. Jh der benachbarten Burg Eisenberg festzustellen.
Südseite Foto: Verf.Der große Artillerieturm im Südwesten (Vorburg) Foto: Verf.Verf. im 7. Burgenhimmel 🙂
Innenhof mit ehem. Wohngebäuden. Blick nach Westen, vom Bergfried im Osten aus gesehen . Links in der Ecke der Zugang zum ehem. Kapellenturm Foto: Verf.Reste des Bergfrieds im Kernbereich Foto: Verf.Zwinger, Blick nach Westen / Torbereich Foto: Verf.
Blick auf die Burg Eisenberg von der Ostecke/ Schießstand der Hohenfreyberg aus gesehenRekonstruktionszeichnung der Burg Eisenberg Quelle: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE, Roger MayrockGrundriss / Infotafel Foto: Verf.
Ende 15. Jh: Verstärkung und Modernisierung: Erhöhung des Mantels, mit Zinnenabschluss, Zwinger um die Kernburg, Ausbau der Befestigung der Vorburg
16. Jh: heutige Eingangssituation (ursprünglicher Zugang von Osten), Bastion vor das alte Tor.
Innenbereich: Wohn- und Wirtschaftsbauten, Wände teilweise erhalten. Auch hier zwei Palasse, sowie Kapelle, Zisterne, Back- und Badestube, Reste der Kellergewölbe. Innenbebauung direkt an die Mantelmauer angefügt.(weitere Infos auch hier)
Der ‘Hohe Mantel’ Foto: Verf.Balkenlöcher der Wohnbauten an der Mantelmauer Foto: Verf.Zwinger. Foto: Verf.
Passend zur vorhergehenden Überschrift hier nun ein Beitrag zum Thema Magnifizenz im (Burgen-) Bau.
Es handelt sich dabei um einen Abschnitt meiner eben fertiggestellten sog. ‘Forschungsarbeit’ (eine der Gängeleien im Masterstudiengang Kunstgeschichte – wer im vorletzten Semester zu ‘forschen’ beginnt, hat irgendwie was verpasst ) mit dem Titel “Magnifizenz in Bild und Bau. Bereiche höfischer Kunst im Herzogtum Bayern-Landshut im ausgehenden 15. Jahrhundert.”
Dadurch ist dieser Beitrag um Einiges länger als ich normalerweise schreiben würde – also: Kaffee oder gepflegtes Glas Rotwein holen, gemütlich machen und nun viel Spaß beim Lesen! (Kommentare erfreuen immer, und bei Interesse leite ich auch gerne die ganze Arbeit weiter.)
Ich habe mal den Aspekt herausgegriffen, der mir am ‘burgigsten’ erscheint: “Aspekte baulicher Manifestation von Magnifizenz im Ausbau der Burg Burghausen” (Schatzturm! Bergfried! Treppenscharten!! 🙂 ) Wir befinden uns also in den 1480er Jahren im Herzogtum Bayern-
Portrait Herzog Georgs des Reichen, gefertigt von Paul Gertner um 153. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Landshut, unter Georg, dem letzten der drei sog. Reichen Herzöge. (Lesenswerter Artikel zu Georg in Burghausen auch hier.) Sein größtes Bauprojekt war der Ausbau der genannten Burg, dessen Leitung Hofbaumeister Ulrich Pesnitzer oblag, dem ersten Träger dieses neu eingeführten Amtes.
Durch Erwähnung in Veit Arnpecks Chronicon Bajoariae ist der Ausbau Burghausens im Jahr 1488 überliefert: „In dem obengenannten Jahr (1488) ließ Herzog Georg sein Schloss Burghausen umbmauern und versehen mit großen dicken mauren und hett allerley maurer und arbeiter, auf einen tag wol 4 tausend oder mehr, ein lange zeit, und verbauet wol 100 000 fl.“[1] Mit diesem Zitat werden Bereiche angesprochen, die bereits im hohen Mittelalter die Herausbildung der Bauorganisation als eigenem Sektor der Landesherrschaft anzeigen. „Der Bausektor ist im Mittelalter wohl derjenige Produktionsbereich, der von den Möglichkeiten einer fortschreitenden Geldwirtschaft am augenfälligsten geprägt worden ist. Es gab kaum ein anderes Arbeitsziel, in das die Potenzen des neuen Mediums so ungehemmt einfließen konnten. Für die damaligen Beobachter der Bauszene steht zwar die körperliche Arbeit und der personelle Einsatz durchaus im Vordergrund aber sie vermerkten durch auch mit wachsender Genauigkeit, dass die eigentlichen Voraussetzungen und Triebkräfte der aufwendigen Bautätigkeit in den geldlichen Investitionen lagen. Sie lernen den Wert und die Bedeutung eines Bauwerks in Geldsummen auszudrücken, und sie taxieren die Beträge, die beigesteuert werden, einen Bau hochzutreiben. (…) Der wichtigste Effekt des Geldeinsatzes für das Bauwesen bestand darin, dass durch ihn eine überregionale Mobilisierung materieller und personeller Reserven möglich wurde.“[2] Arnpecks Worte zum Bau in Burghausen stehen offensichtlich noch in dieser Tradition, welche gleichzeitig eine Erklärung liefert, warum Arnpeck Wert auf diese speziellen Angaben legte. So kann anhand der fürstlichen Bauprojekte der Bogen geschlagen werden zu den schon bei der Analyse höfischer Kunst im Innenbereich entscheidenden Aspekten, denn „in der Bautätigkeit manifestiert sich in humanistischen Panegyriken ‚magnificencia’ und ‚liberalitas’.“[3] Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Wortwahl der Beschreibung des Burghausener Ausbauprojekts unter Georg dem Reichen –„Illustris dux Georgius Bavarie incepit magnificam ac sumptuosam structuram pro municione castri Burchhausen“[4]– im Brief Bischof Altdorfers von Chiemsee an Hippolyt d’ Este, Erzbischof von Gran, kaum zufällig getroffen.
Schatzturm
Auch der frühere ‚Schatzturm’ bzw. das Schatzgewölbe von Burghausen lassen sich unter dem Aspekt der Magnifizenz betrachten, wodurch sich zusätzlich zur praktischen Funktion eine weitere Bedeutungsebene erschließt: „Als ein sichtbarer Beleg für Großartigkeit galten an den Höfen Schatzkammern und Sammlungen (…) In Frankreich und den burgundischen Niederlanden wurden die Schätze in den verschiedenen Palästen und Hôtels, meist in den estdues (Studier- und Sammlungsräumen) oder in Oratorien aufbewahrt, mitunter sogar an eigenen Sammlungsorten. So bewahrte man seit 1400 die wertvollsten Stücke des französischen Königspaares in zehn verschlossenen Schränken in der Tour de Coin der Bastille (genannt La Tour de Joyaux, Turm der Schätze)“[5] Tatsächlich ist die Nutzung des alten Burghausener Bergfrieds als Aufbewahrungsort des Staatsschatzes unter Heinrich und Ludwig in Quellen nachweisbar,[6] der nach dessen Einsturz 1482 und Neubau 1484 von dem im gleichen Zug unter Georg dem Reichen errichteten, bis heute bestehenden Schatzgewölbe an der Außenseite der Dürnitz abgelöst wurde.[7]
Früheste Darstellung der Burg Burghausen: Fresko von 1477 in der Heiligkreuzkirche allda. Darauf links des Grabens noch der alte 1482 eingestürzte Bergfried.
Beim Burghausener Schatz gibt es einige erwähnenswerte Besonderheiten: es gab nicht nur einen Aufbewahrungsort bzw. Schatzkammer, sondern gleich mehrere. Neben dem erwähnten Turm und dem nachfolgenden Schatzgewölbe diente der als Tresorraum identifizierte Kubus im Innenbereich der Dürnitz zur Verwahrung von Wertsachen und Pretiosen, welcher auch „Einlagerung von wertvollen Bannern, Teppichen. Baldachinen, kostbaren Lanzen und Stangengeräten zuließ.“[8] Mit diesem Tresorraum entsprach man in Burghausen also schon einmal dem burgundisch – niederländischen Vorbild. Doch auch der ehemalige Schatzturm konnte sich neben der französischen Tour de Coin sehen lassen – bezeichnenderweise nach dem gleichen Zweck benannt.[9]
Zeitgenössische Abbildung der Schatzkammer Maximilians I. in Wien, auf der passenderweise ein Teil des burgundischen Erbes Marias von Burgund zu sehen ist. Ausschnitt aus dem Stich, der im Rahmen des Entwurfs zur Ehrenpforte für Maximilian I., unter Beteiligung u.a. Dürers, Kölderers und Altdorfers, um 1515 entstanden ist. Quelle: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/LMUP3ZV2JA6QT5FUU6FSQUM5JWPAK62R ; CC BY-SA 4.0, Foto: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig.
Mit dem sprichwörtlichen Vermögen der Reichen Herzöge als Bauherren war somit ein Konstitutivum zur Prägung der Herrschaft durch fortschreitende Geldwirtschaft in überdurchschnittlichem Maß gegeben, was entsprechenden Einfluss auf das Bauwesen nachvollziehbar macht. Die Baumaßnahmen in Burghausen, welche während der Regierungszeit Georgs an erster Stelle der herzoglichen Bautätigkeit stehen, können in diesem Licht nicht nur als bewusste Herrschaftslegitimation sondern auch als Manifestation von fortschrittlicher wirtschaftlicher Organisation verstanden werden. Die Schaffung des neuen Amtes des Baumeisters ist ‚Symptom’ der Weiterentwicklung des Bauwesens, denn „das wichtigste Ergebnis einer höfischen Bauorganisation war die Ausbildung einer zentralen staatlichen Verantwortung für die baulichen Belange.“[10] An der Wende zu frühen Neuzeit entstand ausgehend von den Höfen eine überregionale Dynamik im Bauwesen. „Das Hofbauamt war darin das „Instrument dieser Intensivierung der herrschaftlichen Baubefugnis und der Hofbaumeister (…) die Person, die sie mit fachlicher Kompetenz ausstattete“[11]
Architekturdetails an Wohn- und Befestigungsanlagen
„In die Endphase der bayerischen Teilherzogtümer fallen auch die ersten Bauten, die unter dem Begriff ‚Festung’ subsumiert werden“ können.[12] Der Ausbau Burghausens findet während einer Übergangsphase statt, „als man zwar die Bedrohung durch Belagerungsartillerie sehr wohl verstanden hatte, aber noch nicht zu einer endgültigen baulichen Reaktion gelangt war.“ Der Fokus lag auf „starken Geschütztürmen und massiven Deckungswerken“,[13] der sich besonders anschaulich im ‚Pulverturm’ auf dem Eggenberg gegenüber der Hauptburg manifestiert.
Blick von der Hauptburg auf den Eggenberg mit Pulverturm Foto: Archiv Verf.
Dass auch Burghausen ein Beispiel des „Festungsbaus der Renaissancezeit im Spannungsfeld zwischen apparativer und medialer Funktion“[14] darstellt, und dass es auch hier gemäß Umberto Ecos Semiotik dabei die zwei Ebenen zu unterscheiden gilt – eine ‚praktische’, die der Dekodierung, und eine , symbolische’, die der Konnotierung bedarf[15] – zeigt sich nicht nur im Großen, sondern auch an Details wie den eigentümlich abgetreppten Schießscharten.
Diese befinden sich z.B. am Aufgang zur Burg und auch am Wehrgang, welcher das Tor zum Hof der Hauptburg sichert. Bei diesen handelt es sich um sogenannte Treppenscharten, welche sich durch treppenförmige Ausformung der Schartenlaibungen definieren.[16]
Treppenscharte am Aufgang zur Hauptburg Burghausen Quelle: – HAGER, Georg; RIEHL, Berthold; BEZOLD, Gustav von: Die Kunstdenkmale des Regierungsbezirkes Oberbayern. Bd. III: Bezirksämter Mühldorf, Altötting, Laufen, Berchtesgaden, München 1905, S. 2467; Digitalisat: https://archive.org/stream/bub_gb_UO1AAAAAYAAJ#page/n360/mode/1up
Im Gegensatz zu den im gesamten Mittelalter gängigen, sich nach außen verjüngenden Scharten, die auf die Benützung von Handfeuerwaffen ausgelegt waren, entwickelte sich zum Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Aufkommen von schwereren Geschützen neue Schartenformen. Typisch sind hierfür die sog. Trichterscharten mit einer sich nach außen weitenden Öffnung, denen auch die Treppenscharte zuzurechnen ist. Durch die Abtreppung sollten im Falle feindlichen Beschusses in der Scharte auftreffende Geschosse, die durch die Trichterung den dahinter positionierten Schützen in Gefahr brachten, abgeleitet werden bzw. zurück prallen. Das hohe Geschützgewicht bedingte, dass der Geschützkörper auf der Stelle blieb und nur das Rohr ausgerichtet wurde, was die Trichterform erklärt. Somit kann diese Schartenform als Charakteristikum des Wehrbaus am Übergang von Mittelalter zu Früher Neuzeit angesehen werden. Dass bei der Formgebung jedoch nicht nur funktional-technische Gründe eine Rolle spielten, zeigt sich z.B. daran dass manchmal nicht nur die seitliche, sondern auch die nach oben weisende Außenfläche der Scharte abgetreppt wurde, was für die Ausrichtung des Rohres nicht notwendig war. Im Fall der Treppenscharten von Burghausen gibt es einige Besonderheiten zu bemerken: da sie in den 1480er Jahren im Zuge des Ausbaus unter Pesnitzer[18] entstanden sein müssen, handelt es sich hierbei zum Einen um sehr frühe Beispiele. Auch wenn die Scharten womöglich nicht gleich zur Anfangszeit der Bauarbeiten fertiggestellt wurden, datieren sie doch früher als die bisher bekannten Beispiele, die meist in das frühe 16. Jahrhundert einzuordnen sind. Zum Anderen macht die relativ geringe Größe der Treppenscharten in Burghausen den Einsatz schweren Geschützes hier unwahrscheinlich, für welches sie nach der funktionalen Theorie ausgelegt waren. Somit muss in diesem Fall für die Formgebung der ästhetische Aspekt überwogen haben.
Möglicherweise wollte man mit der Verwendung dieser modernen Schartenform einen Wissensvorsprung im Bereich des Fortifikationswesens unter Beweis stellen. Da die tatsächliche rein technische Funktionalität nicht ohne Zweifel ist, war für diesen ‚Show’-Effekt anscheinend schon allein die Verwendung der Form ausreichend, was wiederum für deren hohen Symbolwert spricht.
Jörg Kölderer: Illustration zu Vorschlägen für Befestigungsanalgen, Manuskript, 1505/15 (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, cod. 2858, fol. 16r) Quelle: Bilddatenbank des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Krems (IMAREAL), Bildnr. 006664. Bearb.: Verf.
Darauf, dass diese Schartenform in der Region bekannt war, deuten die Zeichnungen Jörg Kölderers von ebensolchen hin, die allerdings erst aus dem Jahr 1508 stammen.
Kölderer war ab 1494 Hofmaler und später auch Hofbaumeister
Jörg Kölderer: Illustration zu Vorschlägen für Befestigungsanalgen, Manuskript, 1505/15 (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, cod. 2858, fol. 23r) Quelle: Bilddatenbank des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Krems (IMAREAL), Bildnr. 006671. Bearb.: Verf.
Maximilians I., und bekanntlich auch für Projekte wie die Visualisierungen zum Innsbrucker Zeughaus und zum Dürerschen Triumphbogen verantwortlich.[19] So ist möglich, dass auch schon vor 1508 Treppenscharten im bayerisch-österreichischen bzw. -habsburgischen Gebiet bekannt waren, was über möglichen Einfluss Pesnitzerscher Baudetails im Umkreis Burghausens nachdenken lässt.
Da Pesnitzer nachweislich auch am Ausbau der salzburgischen Burg Tittmoning teilhatte[20] und der Ausbau Burghausens dem der Feste Hohensalzburg vorausgeht, ist Pesnitzerscher Einfluss, sei es direkt in Person oder durch Vorbildschaft, für bischöflich salzburgische Bauten vorstellbar. Zumindest, was als modern geltende Baudetails betrifft, wie es die Scharten-Zeichnungen Kölderers suggerieren, ist Einfluss auch auf zeitgenössische herrschaftliche habsburgische Bauten möglich, etwa an der Hofburg in Innsbruck.[21]
[2] Warnke, Martin: Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen, Frankfurt a. M. 1976, S. 93.
[3] Warnke bezieht sich hier auf Burckhardt, sowie auf die Quelltexte Equicolas, Gauricus und als frühes sowie explizites Beispiel Christine de Pisan zur Bautätigkeit König Karls V. zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Diversen fürstlichen Zeitgenossen der bayerischen Herzöge wie Ercole d’Este, Cosimo de’ Medici, Montefeltro und Gonzaga wurde auf Grund ihrer Bautätigkeit ‚liberalitas’ zugesprochen, was sich nicht nur auf Italien beschränkte, denn gleiches wurde auch Matthias Corvinus zugesprochen. Was Maximilian I. betrifft, wurde der Stich Dürers mit dem Triumphwagen des Kaisers und der entsprechenden Beschriftung schon angesprochen [Warnke, Martin: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers, Köln 1996, S. 232 f.] Ein weiterer Fall Piccolominischer Vermittlung?
[4] Quellenzitat bei Hager, Georg; Riehl, Berthold; Bezold, Gustav von: Die Kunstdenkmale des Regierungsbezirkes Oberbayern. Bd. III: Bezirksämter Mühldorf, Altötting, Laufen, Berchtesgaden, München 1905, S. 2449; Digitalisat: https://archive.org/stream/bub_gb_UO1AAAAAYAAJ#page/n339/mode/2up , letzter Zugriff: 15.3.2016.
[5] Franke, Birgit: Magnifizenz: Die Tugend der Prachtentfaltung und die französische Kunst um 1400, in: Schilp, Thomas; Welzel, Barbara (Hg.): Dortmund und Conrad von Soest im spätmittelalterlichen Europa (Dortmunder Mittelalter-Forschungen Bd. 3), Dortmund 2004, S. 141 – 162, hier S. 143.
[6] Vgl. Zeune, Joachim: Die Schatzkammern der Burg Burghausen: Gedanken zu einem Forschungsdesiderat, in: Deutsche Burgenvereinigung e.V. (Hg.): Alltag auf Burgen im Mittelalter, Reihe B / Bd. 10, Braubach 2006, S. 74 -82, hier S.80, mit Anm. 8 und 9.
[7] Auf der Burg Burghausen, die „angeblich schon seit dem eigentlichen Bauherren Herzog Heinrich XIII. (1255 – 1290) Aufbewahrungsort des Gold- und Silberschatzes der bayerischen Herzöge war“, wurde um 1300 der Baukörper der Schatzkammer im Innenbereich der Dürnitz geschaffen. Allerdings ist durch schriftliche Quellen die Nutzung des Bergfrieds als Aufbewahrungsort des herzoglichen Schatzes überliefert, die gleiche Quelle berichtet auch von dessen Einsturz 1482. Es ist also anzunehmen, dass bis 1300 der Bergfried, danach durch gesteigerten Platzbedarf zusätzlich die Kammer in der Dürnitz die Schätze bewahrten. Da die Dürnitz um 1430 neu konzipiert wurde, betraf der Umbau auch die Schatzkammer darin, so dass für den Umbau der Inhalt der Dürnitzkammer wieder in den Bergfried verfrachtet werden musste – „ob dies den Turm zum Einsturz brachte, bleibt spekulativ“ Nach dem Einsturz wurde an der Außenseite der Dürnitz die heutige Schatzkammer 1484 fertiggestellt. Folglich hätte die Burg vor 1430 bzw. 1482 zwei Schatzkammern besessen, 1484 abgelöst durch den Neubau. Das Vorhandensein zweier Schatzkammern kann auch Hinweis auf den jeweiligen Inhalt geben, wie Zeune anmerkt, waren auch Urkunden zu den mittelalterlichen Pretiosen zu zählen: „da der Urkundeninhaber diese Schriftstücke nur als Unikate besaß, musste er sie möglichst feuer- und diebstahlsicher aufbewahren“ (…) Dieser Umstand (…) „könnte erklären, warum es neben der Schatzkammer im Bergfried eine weitere Schatzkammer im Inneren der Dürnitz gab.“ Zeune, Joachim: Die Schatzkammern der Burg Burghausen: Gedanken zu einem Forschungsdesiderat, in: Deutsche Burgenvereinigung e.V. (Hg.): Alltag auf Burgen im Mittelalter, Reihe B / Bd. 10, Braubach 2006, S. 74 -82, hier S. 80.
[9] Die Gestalt des Burghausener Turms vor dem Einsturz ist als Rundturm mit hohem Kegeldach auf der ältesten bekannten Darstellung der Burg von 1477 auf einem Fresko in der Heiligkreuz-Kirche in Burghausen dokumentiert.
[11] Klein, Bruno (Hg.): Werkmeister der Spätgotik. Position und Rolle der Architekten im Bauwesen des 14. bis 16. Jahrhunderts, Darmstadt 2009.
[12] Dabei geht auf den letzten niederbayerischen Herzog neben Bughausen als größtes Projekt auch der Ausbau der Tiroler Burgen Kufstein und Rattenberg zurück, bevor diese mit den Gerichten Rattenberg, Kitzbühl und Kufstein nach dem Tod Georgs 1503 und dem ‚Kölner Spruch’ 1505 an Maximilian fielen. Burger, Daniel: Festungen in Bayern, Regensburg 2008, S. 17.
[14] Hoppe, Stephan: Artilleriewall und Bastion. Festungsbau der Renaissancezeit im Spannungsfeld zwischen apparativer und medialer Funktion, in: Originalveröffentlichung in: Jülicher Geschichtsblätter. Jahrbuch des Jülicher Geschichtsvereins,Bd. 74/75 (2006/2007), S. 35-63.
[16] Mit Spannung wird der Text zum Thema Treppenscharten von Johannes Müller-Kissing erwartet, der vorraussichtlich im Sommer 2016 in der nächsten “Burgenforschung” des MAB (=Europäisches Correspondenzblatt für interdisziplinäre Castellologie),Bd. 3, erscheinen wird. Vielen Dank an dieser Stelle an Dr. Christian Ottersbach für die Infos. Im Artikel Zeunes 2015 zu Schießscharten als eines der charakteristischen Wehrelemente der Burg und deren Entwicklung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert wird diese Schartenform nicht angesprochen. Zeune, Joachim: Schießscharten, in: Zeune, Joachim (u.a.): „Dem Feind zum Trutz“. Wehrelemente an mittelalterlichen Burgen (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., hg. v. Europäisches Burgeninstitut, Reihe B: Schriften, Bd.14), Braubach 2015, S. 159–173.
[18] „Die Bauarbeiten der achtziger Jahre betrafen vor allem die Verstärkung der Befestigung des Schlosses. Vermuthlich wurde Herzog Georg zur Verstärkung der Befestigung Burghausens durch die von den Türken drohende Gefahr mit bestimmt. Liess doch auch Bischof Sixtus 1479 und 1480 aus diesem Grunde den Freisinger Domberg befestigen, wie Veit Arnpeck ausdrücklich berichtet. Und wurde doch auch aus dem gleichen Grunde die Befestigung Salzburgs 1469 – 1481 verstärkt. Mit dem Aufwande ganz ausserordentlicher Mittel schuf Herzog Georg in Burghausen damals die ausgedehnteste und grossartigste Bergbefestigung seines Landes. Der gleichzeitige Chronist Veit Arnpeck verzeichnet die Befestigung Burghausens in seinem Chronicon Bajoariae beim Jahre 1488. (…) Da aber angegeben wird, dass Herzog Georg in Burghausen Arbeiter verwendete, die an der Befestigung des Freisinger Domberges thätig gewesen waren, so durften die Arbeiten zum Theil schon früher, im Anschlusse an die 1480 vollzogene Befestigung des Freisinger Domberges begonnen haben. Sie dürften aber auch über 1488 hinaus sich erstreckt haben. Das muss ja auch aus der ausserordentlichen Ausdehnung der Bauten geschlossen werden. Aus dem Umstande, dass 1509 als Schlossbaumeister von Burghausen Ulrich Pesnitzer erscheint und in dem erwähnten Briefe des Bischofs Georg Altdorfer vom 12. April 1488 in Verbindung mit der Erzählung der Befestigung Burghausens ein Pesnitzer genannt wird, der mit zwei andern das Schloss Tittmoning besichtigt habe, darf man schliessen, dass (Ulrich) Pesnitzer damals im Schloss Burghausen als Baumeister thätig war und die Arbeiten leitete. Dies wird bestätigt durch ein Schreiben eines Enkels des Ulrich Pesnitzer, Wolf Konrad von Pesnitz zu Weittersfeld, an den Hauptmann und die Räthe der Regierung in Burghausen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wolf Konrad von Pesnitz sagt hier, dass sein „villgeliebter grossvater herr Ulrich von Pessnicz seliger bey hörczog Jergen von Pairn cristseligister hochloblicher gedechtniss etc. diss schloss alhy erpaudt”; er bittet, dass er ein Glasgemälde in der „fürstlichen und hofkirchen” (wohl in der äusseren Schlosskapelle) mit den Bildnissen seines Grossvaters und dessen Unterbaumeisters nachdem er sich von dem schadhaften Zustande desselben persönlich überzeugt, auf seine Kosten restaurieren dürfe.“ Hager u.a., 1905, S. 2449 f.
[19] Vgl. zu Kölderer Scheichl, Andrea: Jörg Kölderer. Innsbrucker Hofmaler und Baumeister in Tirol zur Zeit Maximilians I. und Ferdinands I., unpubl. Magisterarbeit Universität Wien 1992; sowie Scheichl, Andrea: Wer war(en) Jörg Kölderer? Innsbrucker Hofmaler und Tiroler Baumeister, in: Michel, Eva; Sternath, Marie Luise (Hg.): Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Ausst. Kat Wien 2012/13, München u.a. 2012, S. 81-89.
[20] „Und Ulrich Pesnitzer, der vielbeschäftigte Erbauer der bayerischen Landesveste Burghausen (vgl. S. 2449), wird 1488 von Erzbischof Bernhard von Salzburg, der sich mit Vorliebe in Tittmoning aufhielt, zur Besichtigung des Schlosses nach Tittmoning entboten.” [Hager u.a., 1905, S. 2819] Falls Bernhard von Rohr gemeint ist, besteht hier eine Ungereimtheit, denn Rohr ist bereits ein Jahr früher verstorben, und zwar auf der Burg Tittmoning am 21.3.1487. [Stauber, 1993, S. 542.] Wer der eigentliche Auftraggeber Pesnitzers in Tittmoning war, ist ohne tiefergehende (archivalische) Nachforschungen der Literatur nicht eindeutig zu entnehmen. Dabei es jener war Bischof Rohr, der Georg den Reichen und Hedwig von Polen in Landshut traute, sein vorübergehender Nachfolger war Christoph von Ebran von Wildenberg, durch Georgs Unterstützung bis 1488 Gegenerzbischof. Er war der Bruder des Chronisten Hans Ebran von Wildenberg, der am niederbayerischen Hof tätig war und später Hofmeister in Burghausen unter Hedwig wurde. Christoph war in die Auseinandersetzungen Georgs mit dem Erzbistum Salzburg ab 1485 um die Salzmaut verwickelt. [Vgl. Stauber, 1993, S. 541 ff.] Möglicherweise spielten diese Auseinandersetzungen auch eine Rolle beim Ausbau der Burg Burghausen und auch bei Tittmoning als Zwischenstation an der Salzach.
[21] Vgl. zur Hofburg in Innsbruck z.B. Riegel: „Innsbruck gehört zu den ältesten habsburgischen Höfen, gewann jedoch erst unter Maximilian I. den Status einer königlichen und schließlich kaiserlichen Residenz. In den ersten beiden Jahrzehnten nach seiner Regierungsübernahme in Tirol 1490 widmete Maximilian einen Großteil seiner Aktivitäten der Stadt und dem Hof Innsbruck. Diese betrafen die Hofburg selbst, den Neuhof mit dem Goldenen Dachl, den Wappenturm mit der südlich anschleißenden Äußeren Burg und das Zeughaus – Maßnahmen, die funktional, fortifikatorisch und insbesondere im Hinblick auf Zeremoniell und Repräsentation miteinander verbunden sind und deshalb nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern auf ihre Zusammenhänge und urbanistischen Implikationen befragt werden sollen.“ Riegel, Nicole: Bausteine eines Residenzprojekts. Kaiser Maximilian I. in Innsbruck, in: Karner, Herbert u.a. (Hg.): The Habsburgs and their Courts in Europe, 1400–1700. Between Cosmopolitism and Regionalism, Tagungsband zur PALATIUM Konferenz “The Habsburgs and their Courts in Europe” in Wien 2011, Ebook 2014, S. 28 – 45, hier S. 28.; URL: http://www.courtresidences.eu/uploads/general/Habsburgs%202014.pdf, letzter Zugriff 15.3.2016.
Literatur:
Burger, Daniel: Festungen in Bayern, Regensburg 2008.
Franke, Birgit: Magnifizenz: Die Tugend der Prachtentfaltung und die französische Kunst um 1400, in: Schilp, Thomas; Welzel, Barbara (Hg.): Dortmund und Conrad von Soest im spätmittelalterlichen Europa (Dortmunder Mittelalter-Forschungen Bd. 3), Dortmund 2004, S. 141 – 162.
Hager, Georg; Riehl, Berthold; Bezold, Gustav von: Die Kunstdenkmale des Regierungsbezirkes Oberbayern. Bd. III: Bezirksämter Mühldorf, Altötting, Laufen, Berchtesgaden, München 1905; Digitalisat: https://archive.org/stream/bub_gb_UO1AAAAAYAAJ#page/n5/mode/2up, letzter Zugriff: 7.3.2016.
Hoppe, Stephan: Artilleriewall und Bastion. Festungsbau der Renaissancezeit im Spannungsfeld zwischen apparativer und medialer Funktion, in: Originalveröffentlichung in: Jülicher Geschichtsblätter. Jahrbuch des Jülicher Geschichtsvereins,Bd. 74/75 (2006/2007), S. 35-63.
Klein, Bruno (Hg.): Werkmeister der Spätgotik. Position und Rolle der Architekten im Bauwesen des 14. bis 16. Jahrhunderts, Darmstadt 2009.
Müller-Kissing, Johannes: Überlegungen zur Typologie und Entwicklung von Treppenscharten, in: Marburger Arbeitskreis für europäische Burgenforschung (Hg.): Burgenforschung. Europäisches Correspondenzblatt für interdisziplinäre Castellologie, Bd. 3, Marburg (ersch. voraussichtlich Sommer 2016, daher noch ohne Seitenangabe).
Riegel, Nicole: Bausteine eines Residenzprojekts. Kaiser Maximilian I. in Innsbruck, in: Karner, Herbert u.a. (Hg.): The Habsburgs and their Courts in Europe, 1400–1700. Between Cosmopolitism and Regionalism, Tagungsband zur PALATIUM Konferenz “The Habsburgs and their Courts in Europe” in Wien 2011, Ebook 2014, S. 28 – 45, hier S. 28.; URL: http://www.courtresidences.eu/uploads/general/Habsburgs%202014.pdf, letzter Zugriff 15.3.2016.
Scheichl, Andrea: Jörg Kölderer. Innsbrucker Hofmaler und Baumeister in Tirol zur Zeit Maximilians I. und Ferdinands I., unpubl. Magisterarbeit Universität Wien 1992.
Scheichl, Andrea: Wer war(en) Jörg Kölderer? Innsbrucker Hofmaler und Tiroler Baumeister, in: Michel, Eva; Sternath, Marie Luise (Hg.): Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Ausst. Kat Wien 2012/13, München u.a. 2012, S. 81-89.
Warnke, Martin: Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen, Frankfurt a. M. 1976.
Warnke, Martin: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers, Köln 1996.
Zeune, Joachim (u.a.): „Dem Feind zum Trutz“. Wehrelemente an mittelalterlichen Burgen (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., hg. v. Europäisches Burgeninstitut, Reihe B: Schriften, Bd.14), Braubach 2015, S. 159–173.
Zeune, Joachim: Die Schatzkammern der Burg Burghausen: Gedanken zu einem Forschungsdesiderat, in: Deutsche Burgenvereinigung e.V. (Hg.): Alltag auf Burgen im Mittelalter, Reihe B / Bd. 10, Braubach 2006, S. 74 -82.